Christopher Hallmann (li.) mit Schützling Arthur Abele und der Goldmedaille nach der Siegerehrung am Breitscheidplatz (Foto: SSV Ulm/privat)

Interview

„Überlegt, clever, mit Stärke und Präsenz!“

Arthur Abele (SSV Ulm) musste aufgrund von Verletzungen viele Jahre auf seinen großen Moment warten. Bei den Europameisterschaften in Berlin sorgte der 32-Jährige aber Anfang August mit dem Gewinn der Goldmedaille für ein Highlights der Titelkämpfe. Seit fünf Jahren immer an seiner Seite ist sein Trainer Christopher Hallmann, der im Interview auf den EM-Zehnkampf zurückblickt.


Christopher Hallmann, vor rund zwei Wochen wurde auf dem Berliner Breitscheidplatz für Arthur Abele die Nationalhymne gespielt. Es war auch für Sie als Trainer die erste internationale Goldmedaille. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?

Christopher Hallmann: "Die Emotionen sind übergekocht. Mir sind schwierige Situationen durch den Kopf geschossen. Ich habe mir den Zehnkampf im Zeitraffer noch mal in Erinnerung gerufen – das war emotional auch für mich etwas ganz Besonderes."

Hand aufs Herz: Als wie realistisch hätten Sie diesen Erfolg noch zu Beginn des Jahres 2018 eingeschätzt?

"Zu Beginn des Jahres hatte Arthur mit vielen Verletzungen und Krankheiten zu kämpfen. Eine zielgerichtete Vorbereitung war da gar nicht möglich. Der jetzige Erfolg war nicht abzusehen. Dass Arthur das Potenzial hat, internationale Medaillen, vielleicht sogar Gold, zu gewinnen, das haben wir in seinem ganz engen Umfeld immer wieder so eingeschätzt. Das kontinuierliche Training dafür konnte am Anfang des Jahres aber nicht stattfinden, das hat sicher erst einmal nicht in seine Karten gespielt."

Wie haben Sie es geschafft, dass Arthur Abele in Berlin dennoch in Topform antreten konnte? Welches Team steckt dahinter?

"Im engsten Team sehe ich unsere medizinische Abteilung und mich. Unseren Physiotherapeuten Tim Gulde und Prof. Dr. Benedikt Friemert vom Bundeswehr-Krankenhaus in Ulm. Wir haben nach Rückschlägen immer versucht, so schnell wie möglich Wege des alternativen Trainings zu finden. Und als dann Rico Freimuth in Götzis ausgestiegen ist und auch Kai Kazmirek keine Topform hatte, hat Arthur seine Chance gewittert, vorne dabei zu sein. – Dann hat er zugeschlagen."


Arthur Abele ist nicht der Einzige, der von dieser Team-Arbeit profitieren konnte. Mit Mathias Brugger hat sich ein weiterer Ulmer Zehnkämpfer für die EM qualifiziert. Ein gutes Ergebnis war für ihn aber schon früh nach drei ungültigen Versuchen im Weitsprung außer Reichweite. Was war da los?

"Auch der Weg von Mathias war nicht einfach. Er hatte sich im vergangenen Jahr bei der WM schwer verletzt, auch seine Vorbereitung war von vielen Schwierigkeiten geprägt. Die Verletzung am Knie war sehr langwierig, zudem hat er ein Studium begonnen. Dass er sich qualifiziert hat, ist sehr hoch einzuschätzen – umso mehr tut es mir für ihn leid, dass er sich in Berlin nicht so präsentieren konnte, wie er es verdient hätte. Er war schon über 100 Meter ein bisschen fest, konnte nicht so frei laufen wie bei der Qualifikation. Und im Weitsprung war es dann eine Mischung aus Übermotivation und fehlender Handlungsfähigkeit. Er konnte seinen Fehler im Anlauf einfach nicht abstellen."


Wie ist ein solcher Moment als Trainer? Der eine Athlet schießt sich selbst aus dem Rennen um die Medaillen. Der andere Athlet ist auf einmal nach dem Weitsprung Goldkandidat, weil der große Favorit Kevin Mayer aus Frankreich ebenfalls dreimal übertritt ...

"Schwarz und Weiß. Ein größerer Kontrast ist schwer vorstellbar. Meine Gedanken waren in dem Moment aber doch eher bei Mathias Brugger. Das war Frust, Ärger, negative Emotionen... Das Rennen um Gold von Arthur hat da zwar angefangen, die Medaille war aber doch noch in weiter Ferne, es folgten ja noch acht Disziplinen."


Mathias Brugger hat trotz dieser Enttäuschung noch vier weitere Disziplinen bestritten. Warum?

"Er hatte mit Sicherheit das Gefühl, noch etwas schuldig zu sein. Den Fans, die dort waren. Und seinem Trainingspartner Arthur. Ihm wollte er im Stadion beistehen. Man kann da unten selbst bei 50.000, 60.000 Zuschauern ganz schön alleine sein. Mathias und Arthur sind im Trainingslager vorher sehr eng zusammengerückt. Mathias wollte Arthur unterstützen. Und natürlich auch den dritten Deutschen Niklas Kaul, der als Vierter bei seinen ersten großen Meisterschaften einen tollen Wettkampf gemacht hat."


Es wird deutlich: Zwei Tage Zehnkampf, das sind zwei Tage geprägt von Höhen und Tiefen und zahlreichen Emotionen. Was ist bei Ihnen vom EM-Zehnkampf besonders hängengeblieben?

"Die Stärke und die Präsenz von Arthur. Er war immer handlungsfähig – selbst im Stabhochsprung, wo er einfach mit der Anlage nicht so gut klar kam. Er hatte immer eine Idee von jeder Disziplin gehabt, wusste, wie er handeln und wie er ansteuern muss. Das war aus meiner Sicht echt stark, das habe ich bei Arthur besonders in früheren Jahren schon anders erlebt. Er hat mit vielleicht zwei, drei Prozent weniger, aber ganz überlegt und clever diesen Zehnkampf absolviert. Das war die Fortführung seines Auftritts beim Mehrkampf-Meeting in Ratingen ..."


... wo sich Arthur Abele als Sieger für die EM qualifizieren konnte. Mit Manuel Eitel und Tim Nowak haben dort zwei weitere junge Ulmer Zehnkämpfer mit 8100- und 8000-Punkte-Resultaten überzeugt. Wie sehen Sie insgesamt die Zukunft des Mehrkampf-Stützpunkts Ulm?

"Sehr positiv! Die Leistungskurve aller Ulmer Zehnkämpfer hat in diesem Jahr nach oben gezeigt, fast alle haben Bestleistung gemacht. Dazu haben wir mit Manuel und Tim zwei neue Mitglieder im Kreis der 8000-Punkte-Zehnkämpfer. Alle sind bisher unverletzt aus der Saison gekommen, die Zeichen stehen auf Grün und auf Angriff! Wir wollen im nächsten Jahr und natürlich auch im Olympia-Jahr 2020 Deutschland und der Welt zeigen, was wir draufhaben!"

Quelle: SSV Ulm

Top Ten 2018

1. 8481 Abele, Arthur

2. 8329 Kazmirek, Kai

3. 8304 Brugger, Mathias

4. 8229 Nowak, Tim

5. 8220 Kaul, Niklas

6. 8121 Eitel, Manuel

7. 8048 Enahoro, Ituah

8. 8032 Hutterer, Dennis

9. 8012 Obst, Florian

10. 7547 Bollinger, Marvin

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